Elektronisches Patientendossier: Start ins Gesundheitswesen 4.0

in Healthcare, 29.03.2017

Viele Schweizer Spitäler leiden unter ungenügenden Erträgen. Ihre aktuelle EBITA-Marge liegt unter 10 Prozent. Und ab April stehen sie vor einer neuen Herausforderung: Die Einführung des Elektronischen Patientendossiers. Dieses könnte aber zum Katalysator für das Schweizer Gesundheitswesen werden.

Schlagworte wie E-Health, Smart Healthcare und Mobile Health zeigen, dass heute im Gesundheitswesen eine Entwicklung im Gange ist, die weit über die Digitalisierung von Abläufen und Dokumenten hinausgeht. Das Aufsetzen einer Digitalisierungsstrategie im Spital war bisher eine Kompetenz des IT-Verantwortlichen; heute gilt sie als Chefsache, der sich Geschäftsleitung und CEO annehmen. Noch bis vor wenigen Jahren waren die Prozesse innerhalb der Spitäler kaum standardisiert, und Patientenakten – selbst innerhalb des gleichen Unternehmens – mussten aufgrund von Systembrüchen zwischen den Abteilungen von Hand vervollständigt und abgeglichen werden; im heutigen Geschäftsprozess-Modell 2.0 ist diesbezüglich eine weitgehende Digitalisierung vollzogen worden. In der Regel greifen heute alle Pflegefachpersonen per Mausklick auf dasselbe Dossier zu. Dies führt zu mehr Kosteneffizienz und mehr Qualität in der Behandlung, da Doppelspurigkeiten und Missverständnisse vermieden werden.

Das Elektronische Patientendossier – der Startschuss in die digitale Welt?

Doch vor- und nachgelagert zum Spital regiert immer noch wie anno dazumal die „Fax-Kultur“. Der Arzt überweist den Patienten per Fax, legt die Krankengeschichte bei und erhält den Austrittsbericht wiederum per Fax. Dadurch entstehen Gesundheitskosten in Höhe von über CHF 100 Millionen[1]. Hier soll nun das Elektronische Patientendossier (EPD) Abhilfe schaffen. Es soll Systembrüche vermeiden und die Durchgängigkeit der Prozesse vom Hausarzt ins Spital und wieder zurück sicherstellen. Indessen gilt es dabei zu beachten, dass nur die Spitäler, nicht aber die Hausärzte, verpflichtet sind, ein EPD zu führen.  Die Fax-Kultur wird also zu einem gewissen Grad weiterhin bestehen bleiben.

Die veränderten Konsum-Gewohnheiten – auch in der Medizin – zwingen jedoch die Ärzte früher oder später ebenfalls mit dem Dossier zu arbeiten. Dieser Druck wird zudem dazu führen, dass das EPD in seiner angewendeten Form in Zukunft ein Vehikel sein wird, welches die gesamte Gesundheitsversorgung und insbesondere das Verhältnis zwischen Arzt, Spital und Patient fundamental verändern wird. Dank kognitiver Computersysteme werden wir immer schneller und vor allem immer treffsicherer unsere eigene Diagnose betreffend ein Krankheitsbild erstellen können. So zeigen Studien, dass Computer beispielsweise Hautkrebs und andere Erkrankungen genauso gut erkennen wie Ärzte.

Personalisierung

Wohin die Reise gehen könnte, zeigen uns z.B. Retailer. Sie kommunizieren heute im Eins-zu-Eins-Verhältnis mit ihren Kunden. Sie speichern Konsumgewohnheiten oder online geäusserte Vorlieben, analysieren diese und bieten personalisierte Dienstleistungen und Produkte an. Ein weiterer Aspekt, den der Detailhandel vormacht, ist das Outsourcing eines Teils der Dienstleistungserstellung an den Kunden. Der Konsument kann heutzutage seine Ware selbst einscannen. Das Kassenpersonal steht somit für andere Aufgaben und Tätigkeiten im Tagesgeschäft zur Verfügung.

Verändertes Rollenverhältnis zwischen Spital, Hausarzt und Patient

Die Rolle des Hausarztes im Verhältnis zum Patienten wird sich drastisch verändern: Der Patient verfügt dank der Datenhoheit im EPD über all seine Gesundheitsdaten und ist gleichzeitig in der Lage seine Diagnose selbst zu erstellen. Spitäler werden künftig stärker und primär mit dem Patienten direkt kommunizieren und ihn als Kunden anwerben. Mit einer entsprechenden App weist sich der Patient direkt selbst im Spital dem entsprechenden Spezialisten zu und vereinbart einen Arzttermin. Er lässt sich von dort die Verschreibung für das benötigte Medikament direkt auf sein Handy senden und findet, wenn er am Abend nach Hause kommt, das von der Apotheke gelieferte Medikament. Er erhält via App eine Erinnerung für den nächsten Arzttermin und einen Hinweis, dass er bald die nächste Medikamentenbestellung aufgeben soll. Dank einem sogenannten „Wearable“ wie etwa einer Smart-Watch am Handgelenk wird die Wirkung des Medikaments permanent überwacht und der Arzt bei Auftreten einer unerwünschten Nebenwirkung direkt kontaktiert.

Im Spannungsfeld neuer Möglichkeiten und Datensicherheit

Künftig werden nicht nur Daten zu Konsumgewohnheiten, sondern auch vermehrt Daten zu unserem Gesundheitszustand digital erfasst. Das damit verbundene potenzielle Geschäftsvolumen mit Apps, „Wearables“, personalisierten Medikamenten oder individuell zubereiteten Nahrungsmitteln ist enorm. Bei aller Euphorie darf der Aspekt der Datensicherheit aber nicht ausser Acht gelassen werden. Dabei dürften die heutigen Datenschutzrichtlinien kaum genügen, um möglichen Datenmissbräuchen vorzubeugen. Politik und Gesellschaft sind gefordert, im Spannungsfeld von neuen technologischen Möglichkeiten und Datensicherheit einen Diskurs über die Chancen und Risiken eines „Gesundheitswesens 4.0“ an die Hand zu nehmen. Ein Diskurs, der den veränderten Patienten- und Lebensgewohnheiten Rechnung trägt, die wirtschaftliche Entwicklung fördert und gleichzeitig die Datenhoheit und -sicherheit des Patienten schützt.

[1] Studie von Swisscom aus dem Jahre 2014

 

Fakten in Kürze: Das Elektronische Patientendossier

Mit der Verabschiedung seiner E-Health-Strategie hat der Bund im Jahre 2007 beschlossen für die ganze Schweiz ein Elektronisches Patientendossier (EPD) einzuführen. Rund 10 Jahre später ist es nun soweit. Die gesetzliche Grundlage, das EPDG (Elektronisches Patientendossiergesetz) tritt voraussichtlich per April 2017 in Kraft.

Wer ist betroffen? Die Umsetzung ist für alle stationären Leistungserbringer wie Spitäler, Rehakliniken oder Geburtshäuser verpflichtend. Die Spitäler haben nur 3 Jahre Zeit, um die Vorgaben zu erfüllen. Bei anderen Leistungserbringern dauert die Übergangsfrist bis 2022. Während die Einführung eines EPD für die Spitäler obligatorisch ist, besteht für die frei praktizierenden Ärzte keine Verpflichtung ein EPD zu führen.

Welches Ziel wird verfolgt? Es geht um die Stärkung der medizinischen Behandlungsqualität, die Verbesserung Behandlungsprozesse, die Erhöhung der Patientensicherheit, die Steigerung der Effizienz im Gesundheitswesen und die Förderung der Gesundheitskompetenz der Patienten. Ausserdem stellt das Dossier die behandlungsrelevanten Informationen zur Verfügung – zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Der Bund beteiligt sich mit einer Anschubfinanzierung zum Aufbau und zur Zertifizierung mit rund 30 Millionen Franken.

Handlungsempfehlungen: Leistungserbringer sollten sich auf strategischer Ebene (Verwaltungsrat, Geschäftsleitung) mit den sich abzeichnenden Veränderungen auseinandersetzen. Ziel dieser Analyse ist das Festlegen, wie und in welchem Umfang die neuen Gegebenheiten in den Spitalalltag integriert werden.

 

 

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