Unternehmensberichterstattung ausser Rand und Band

in Audit, 12.09.2014

Mitte September werden die Sieger des Geschäftsberichtsratings 2014, welches jeweils vom HarbourClub und der Bilanz organisiert wird, bekannt gegeben. Die Sieger haben in ihrem Geschäftsbericht im Bereich des Value Reporting und Design definitiv vieles richtig gemacht. Aber was unterscheidet einen guten Geschäftsbericht von einem excellenten Geschäftsbericht? In welchem Verhältnis stehen Kosten und Nutzen von Geschäftsberichten?

Bestrebungen zur Verbesserung der Unternehmensberichterstattung sind nicht erst seit der Veröffentlichung der Richtlinien zur integrierten Berichterstattung (Integrated Reporting, IR) ein Top-Thema für Unternehmen und Investoren. In vielen Fällen stellt sich die Frage nach Kosteneffizienz und Effektivität der Unternehmenskommunikation.

Intransparente Kosten der Unternehmensberichterstattung

Wer heute auf der Suche nach Studien über Kosten der Unternehmensberichterstattung ist, hat es schwer. Oft werden nur einzelne Aspekte, wie etwa die Prüfung der Berichterstattung oder Druck und Aufbereitung von Geschäftsberichten, beleuchtet. Gesamthafte Betrachtungen, welche die Kosten der verschiedenen Inhalte (die Lohnkosten des involvierten Personals, der IT-Infrastruktur oder von Drittanbietern, wie zum Beispiel von Abschlussprüfern) berücksichtigen, sind rar. Folglich lässt sich erahnen, dass die Erarbeitung von Geschäftsberichten mit Umfängen von 200-300 Seiten, die insbesondere bei börsennotierten Gesellschaften keine Seltenheit sind, mit wesentlichen Kostenfolgen verbunden ist.

In der jüngeren Vergangenheit hat nicht nur eine Zunahme des Umfangs der Berichterstattung stattgefunden. Viele Unternehmen haben sich ferner global ausgerichtet und sind mittlerweile durch zahlreiche Tochtergesellschaften in verschiedenen Ländern vertreten. Dieses mehr-dimensionale Wachstum von Inhalt, Prozess, Infrastruktur und Personal, erzeugt eine Hebelwirkung auf die Kosten und Erstellungszeiten der Berichterstattung.

Was aber wissen Unternehmen zu den Kostenfolgen im Rahmen der jährlichen Berichterstattung? In den meisten Fällen haben Unternehmen diesbezüglich keine umfangreiche Transparenz geschaffen. Wie eine KPMG Studie zum Thema „effektive Assurance“ gezeigt hat, haben beispielsweise weniger als 12% der Unternehmen einen Überblick über die Gesamtkosten der (internen und externen) Prüfungsdienstleister. Hierbei stellt sich nun die Frage: Wer innerhalb des Unternehmens ist eigentlich für die gesamthafte Kostenkontrolle verantwortlich?

Das Kosten-Nutzen-Verhältnis heutiger Berichte

Geschäftsfälle und folglich Geschäftsberichte brauchen einen Business-Case. Nebst den verschiedenen Berichtsteilen, die  aus rechtlichen Gründen erstellt werden, sind heute auch immer mehr freiwillig erstellte Inhalte zu Themen wie Investor-Relations oder Nachhaltigkeit vorzufinden. Unternehmen verbinden mit dieser Zusammensetzung oftmals das Ziel einer erhöhten Vertrauensbildung mit den relevanten Abschlussadressaten (“Stakeholder”) und einer verbesserten Reputation bzw. Markenbildung. Allerdings ist eine Quantifizierung des Nutzens oft schwierig. Analysen zur Leserschaft und Effektivität der entsprechenden Kommunikationsmassnahmen werden nur selten durchgeführt – das Kosten-Nutzen-Verhältnis ist entsprechend unklar.

Beunruhigung wächst

Immer mehr Unternehmen äussern ihren Unmut über die stetig wachsenden Transparenz-Erwartungen und Berichterstattungsbürden, denn über die vergangenen Jahre wurden laufend neue Berichtsteile hinzugefügt.

Als Beispiel lassen sich die Entwicklung der Standards im Finanzbereich aufführen oder auch die Auswirkungen der neu eingeführten Verordnung gegen übermässige Vergütungen bei börsennotierten Aktiengesellschaften. Die verschiedenen Berichtsinhalte werden üblicherweise dem bestehenden Bericht mit anschliessender  Integration in den Geschäftsbericht angehängt – entsprechend steigen die Seitenzahlen der Geschäftsberichte. Die Bedenken von Unternehmen rühren von unterschiedlichen Perspektiven her: Nicht nur der zunehmende Umfang, sondern auch die Relevanz der Informationen für die Leserschaft kann in Frage gestellt werden. Da viele Berichtsinhalte unabhängig voneinander zusammengelegt wurden, ist die thematische Vernetzung nicht gegeben. Auch ein zusammenhängendes Bild von Leistung und Zielsetzung eines Unternehmens ist oftmals nicht vorzufinden. Prognosen, die für wertmässige Beurteilungen durch Investoren relevant sind, gestalten sich dadurch äusserst schwierig. Ferner ist die Kundenzufriedenheit ein wesentlicher Faktor für die Wertschöpfungsmöglichkeiten eines Unternehmens. Entsprechende  KPIs sind jedoch nur selten vorhanden und in den meisten Fällen nicht offengelegt: Der Leser wird nicht darüber aufgeklärt wie sie errechnet wurden, wie vergleichbar diese mit vergangenen Messungen sind und ob diese durch einen unabhängigen Prüfer verifiziert wurden. Die Beunruhigung wächst demnach nicht nur bei Unternehmen, sondern auch bei langfristig orientierten Investoren. Nicht überraschend ist es deshalb, dass in der jüngeren Vergangenheit Initiativen, wie etwa das Integrated Reporting-Framework des ‘International Integrated Reporting Council’ (IIRC) lanciert wurden, um bestehende konzeptionelle Probleme zu adressieren.

Verschlankung und Verbesserung

Allerdings gibt es auch Silberstreifen am Horizont: Technologische Fortschritte ermöglichen heute zahlreiche Vereinfachungen von Prozessen, helfen Kontrollen zu automatisieren und bergen so immenses Potential zur Erzielung von Kosteneffizienzen. Kontrollhandlungen können heute zentralisiert und IT-gestützt durchgeführt werden und somit lokale Berichterstattungseinheiten entlasten, was sich wiederum positiv auf Assurancekosten auswirken kann. Viele Standards und rechtliche Vorgaben weisen Überschneidungen auf und können aligniert werden. Neue Standards, wie zum Beispiel die G4 der Global Reporting Initiative erlauben sogar eine Reduktion von Inhalten bei gleichzeitiger Erhöhung der Relevanz von ausgewiesenen Sachverhalten.

Parallel dazu gibt es heute verschiedene Richtlinien, die eine optimale Berichterstattung für die relevanten Zielgruppen ermöglichen. Hierbei ist festzuhalten, dass ein Umdenken – weg von der rein compliance-getriebenen Berichterstattung, hin zu einer leserorientierten Kommunikation – erfolgen muss, um die Effektivität der eigenen Bemühungen sicherzustellen.

Wenn darum Initiativen zur Verbesserung der Unternehmensberichterstattung unternommen werden, ist es wichtig, dies aus einer ganzheitlichen und ‘business-case’-orientierten Perspektive vorzunehmen. Wie bei jeder Investition sollte man wissen, was es kostet und welcher Nutzen daraus generiert werden soll. Auf diese Weise können grundlegende Anliegen parallel behandelt werden – die Verbesserung der Produktionsprozesse für eine schlankere und kosteneffizientere Berichterstattung.

 

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