Fraud Barometer: Mehr Wirtschaftskriminalität, geringere Schadenssumme?

in Advisory, 09.02.2016

Der jährliche «Fraud Barometer» von KPMG beleuchtet die Fälle von Wirtschaftskriminalität, die von Schweizer Gerichten behandelt und in den Medien veröffentlicht wurden. Im Jahr 2015 wurden 91 Fälle verzeichnet – der höchste Wert, seit KPMG im Jahr 2008 begonnen hat, grosse Betrugsfälle zu erfassen. Zugleich ist die gesamte Schadenssumme auf den tiefsten Stand seit 2008 gesunken. Mit CHF 280 Millionen ist sie jedoch nach wie vor beträchtlich. Wie lässt sich dieses Resultat erklären?

Bedeutet die höhere Fallzahl tatsächlich, dass Betrugsfälle zunehmen?

Nach 77 Fällen im Jahr 2014 lag die Zahl der Betrugsfälle mit 91 im Jahr 2015 klar höher. Allerdings gilt es zu beachten, dass es sich bei diesen 91 Fällen nur um die grössten der Schweiz handelt, d. h. um diejenigen, die von Gerichten behandelt und via Medien den Weg an die Öffentlichkeit gefunden haben. Diese Zahl kann sich von Jahr zu Jahr ändern und zudem durch zufällige Faktoren beeinflusst werden.

Fraud Barometer 2015

Interessant ist auch, dass die Schadenssumme abgenommen hat. Dadurch lässt sich kaum ein eindeutiger Trend ausmachen. Ein Vergleich der Daten mit den allgemeinen Schweizer Kriminalitätsstatistiken könnte sich deshalb lohnen. Wenn wir die Statistiken der vergangenen sechs Jahre für alle Eigentumsdelikte (Betrug, Diebstahl etc.) betrachten, sehen wir, dass die Anzahl der gemeldeten Delikte jährlich um mehrere Tausend schwankt. Es ist deshalb ziemlich schwierig, im Bereich der Kriminalitätsstatistiken, Trends vorherzusagen.

Schweiz: Anzahl der polizeilich registrierten Eigentumsdelikte

Property related crimes

Quelle: Criminal offences registered by the police

Was wir mit Sicherheit wissen, ist, dass nicht jeder Betrugsfall entdeckt wird, dass nicht alle entdeckten Betrugsfälle der Polizei gemeldet werden, dass nicht alle polizeilich registrierten Fälle vor Gericht gebracht werden und es nicht in allen vor Gericht behandelten Fälle zu einer Verurteilung kommt. Die 91 grössten Betrugsfälle (mit Schadenssummen von jeweils über CHF 50 000) sind deshalb vermutlich nur die Spitze des Eisbergs. Und 400‘000 registrierte Eigentumsdelikte sind im Verhältnis zu einer Bevölkerung von 8,2 Millionen Einwohnern eine nicht zu vernachlässigende Summe.

Bedeutet eine rückläufige Schadenssumme, dass die Wirtschaftskriminalität abnimmt?

Ein Gesamtschaden von CHF 280 Millionen durch Betrugsdelikte ist zwar eine beachtliche Summe, aber dennoch deutlich weniger als in den vorangegangenen Jahren. Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen:

Die erste mögliche Erklärung ist, dass sich in den letzten Jahren einige enorm grosse Fälle mit einer Schadenssumme von jeweils rund CHF 100 Millionen ereignet haben, was die Ergebnisse verzerrt. Selbst wenn man das Resultat um diese Extremfälle korrigiert, sieht man jedoch einen Rückgang in der durchschnittlichen Schadenssumme pro Fall.

Dies führt uns zu einer weiteren möglichen Erklärung: Betrugsfälle werden früher entdeckt, was die Schadenssummen reduziert. In den vergangenen Jahren sind Betrugsdelikte, anderes Fehlverhalten und Compliance-Themen vermehrt in die öffentliche Wahrnehmung gerückt – einerseits durch prominente Fälle in den Medien, andererseits weil Aufsichtsbehörden ihre Bemühungen im Kampf gegen Verfehlungen verstärkt haben. Das Bewusstsein für Wirtschaftskriminalität hat sich dadurch auch unternehmensintern erhöht. Um die Compliance zu verbessern und Wirtschaftskriminalität zu bekämpfen, wurden unterschiedlichste Massnahmen im Bereich Risikomanagement umgesetzt. Dies lässt sich auch an der Grösse der Compliance-Abteilungen von Unternehmen (und der Anzahl entsprechender Stellenangebote) ablesen. Wenn Unternehmen in der Betrugsprävention aktiver werden, hat dies zur Folge, dass sie:

  1. Anfänglich MEHR Betrugsfälle entdecken (was die höhere Anzahl Fälle erklärt)
  2. Betrugsfälle FRÜHER entdecken (was die niedrigere Schadenssumme erklärt)

Die Gültigkeit dieser Hypothese lässt sich allerdings nicht ganz eindeutig belegen, weil dazu nicht genügend Daten vorhanden sind. Andere Studien zur Einführung von Verhaltenskodizes und Whistleblower-Meldeverfahren scheinen den festgestellten Effekt jedoch zu bestätigen.

Schwächere Opfer geraten häufiger ins Visier von Wirtschaftskriminellen

Wenn wir davon ausgehen, dass Unternehmen in der Betrugsprävention und der Compliance-Förderung aktiver wurden, lässt sich umgekehrt auch prognostizieren, dass sich Kriminelle vermehrt andere Opfer aussuchen. Weniger professionell aufgestellte Organisationen und Privatpersonen werden attraktivere Ziele für Betrüger, weil professionelle Unternehmen sich besser zu schützen wissen. Im Fraud Barometer wird dies durch den Anstieg in der Opferkategorie «Andere» belegt.

In der Tat zeigt der KPMG Fraud Barometer auf, dass heute häufig gemeinnützige und nicht-gewinnorientierte Organisationen ins Visier von Kriminellen geraten. Dies sollte bei den Betroffenen die Alarmglocken läuten lassen, da betrügerische Handlungen oft weiterreichende Folgen haben als lediglich finanzielle Verluste. Reputationsschäden beispielsweise können für gemeinnützige und nicht-gewinnorientierte Organisationen nachteilig sein, da diese oft von Spenden einer breiten Öffentlichkeit abhängig sind. Potenzielle Spender könnten künftig zögern, mit ihrem Geld eine Organisation zu unterstützen, die ein einfaches Ziel für Betrüger darzustellen scheint.

Fraud Barometer 2015

Dieser Effekt lässt sich beispielsweise in Grossbritannien feststellen, wo KPMG grosse Betrugsfälle beobachtet und erfasst. Der UK Fraud Barometer zeigt, dass immer mehr Kriminelle die Armen und Verletzlichen ins Visier nehmen. Im Jahr 2015 hat die Anzahl der Betrüger, die sich Einzelpersonen und Familien, insbesondere solche in finanzieller Not, als Opfer aussuchten, markant zugenommen. Insgesamt wurde dabei eine Schadenssumme von GBP 156 Millionen festgestellt.

Prävention als Schlüsselfaktor: Risikomanagement

Ein altes Sprichwort lautet: Vorbeugen ist besser als Heilen. Dies gilt auch für Betrug und Wirtschaftskriminalität. Betrugsprävention ist eine lohnende Investition, wenn man berücksichtigt, welche Kosten Betrugsfälle nach sich ziehen. Massnahmen zur Betrugsprävention sind weder teuer noch ein schönes, eigentlich aber vernachlässigbares «Extra». Wir empfehlen jeder Organisation mit einer bestimmten Grösse, mindestens die folgenden Massnahmen zu ergreifen:

Prävention

  • Richtlinien für den Umgang mit Betrugsfällen
  • Verhaltenskodex und darauf folgende Vorschriften
  • Jährliche Bewertung der Betrugsrisiken
  • Governance: Modell mit drei Verteidigungslinien (1. regelmässige interne Kontrollen, 2. Risikomanagement, 3. interne Betriebsprüfungsabteilung)
  • Due-Diligence-Prüfungen von Mitarbeitenden
  • Due-Diligence-Prüfungen von Drittparteien
  • Schulungen und Kommunikation hinsichtlich ethischem Verhalten und Compliance

Feststellen von Betrugsfällen

  • Whistleblower-Meldeverfahren
  • Prüfung und Monitoring
  • Proaktive forensische Datenanalyse

Umgang mit Betrugsfällen

  • Massnahmenplan für Betrugsfälle
  • Ressourcen für forensische Nachforschungen
  • Methoden zur Behebung von Betrugsschäden

Der Umfang dieser Massnahmen kann je nach Unternehmen unterschiedlich sein. Insbesondere gemeinnützige und nicht-gewinnorientierte Organisationen sollten sich jedoch im Klaren darüber sein, dass sie für Wirtschaftskriminelle möglicherweise attraktiver sind als sie es sich vorstellen. Dies bedeutet, dass sie ihre Bemühungen im Umgang mit Betrugsrisiken verstärken sollten.

 

 

Weitere Informationen:

 


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