Pioniergeist zahlt sich aus

in Healthcare, Industry insights, 03.04.2018

Mit dem Entscheid, seit Juli 2017 zwölf Eingriffe nur noch ambulant durchzuführen, konnte der Kanton Luzern im Gesundheitswesen in einem halben Jahr 1.5 Millionen Franken einsparen. Das Bundesamt für Gesundheit rechnet für die ganze Schweiz mit 90 Millionen Franken – und dies ohne Qualitätseinbussen für Patienten. Doch dank Pauschalen im ambulanten Bereich und neuen Modellen könnte noch deutlich mehr Kosteneinspar-Potenzial ausgeschöpft werden.

Die Neuigkeit schaffte es dieser Tage spektakulär bis auf die Frontseite wichtiger Medien: „Pionierkanton Luzern spart Millionen“. Dabei geht es um die erste Bilanz die der Kanton Luzern zieht, nachdem er seit Juli 2017 zwölf ehemals mehrheitlich stationär vollzogene Eingriffe nur noch ambulant durchführen lässt. Bei den zwölf Gruppen von Eingriffen, bei denen die neue Regelung zur Anwendung kommt, ging die Zahl der stationären Behandlungen um 26 Prozent zurück. Unter dem Strich habe Luzern innerhalb 6 Monaten rund 1.5 Millionen Franken bei gleicher Qualität und Sicherheit der medizinischen Versorgung eingespart. Luzern ist damit Vorreiter einer Regelung die ab Anfang 2019 gesamtschweizerisch gelten wird. Das BAG hat vor kurzem eine Liste von Operationen verordnet, die in Zukunft in der Regel nicht mehr stationär durchgeführt werden dürfen. Mit dieser Massnahme, so rechnet das BAG, können jährlich wiederkehrend gesamtschweizerisch mehr als 90 Millionen Franken eingespart werden. Dies ist volkswirtschaftlich betrachtet sinnvoll. Die kostenintensiven stationären Spitalbehandlungen gehen zurück. Und die Kantonsfinanzen werden entlastet, da sich der Kanton zu 55 Prozent an den stationären Behandlungen beteiligt. Ob das Ganze indessen auch für die Prämienzahler günstiger wird, wird derzeit noch unter den Krankenversicherern und Kantonen kontrovers diskutiert (die Versicherer übernehmen die Kosten im ambulanten Bereich zu 100 Prozent). Hier werden wohl erst die Zahlen im kommenden Jahr Aufschluss geben. – Wie auch immer das Ergebnis ausfallen wird: Der Weg stimmt. Der Trend in Richtung „Ambulantisierung der Medizin“ wird sich fortsetzen.

Doch klar ist auch: Dies ist erst der Anfang der Geschichte. Mit etwas Pioniergeist lassen sich zwei Gedanken weiterentwickeln: Dabei geht es erstens um den Umbau des Tarifsystems und zweitens stellt sich für die Spitäler die Frage der kostenoptimierten Prozesse im ambulanten Setting und damit um die Anpassung der kostenintensiven Spitalinfrastruktur.

Zum Tarifsystem: Heute gilt im ambulanten Bereich der TARMED. Er ist ein Einzelleistungstarif bei dem jeder Verband, jede Spritze, jede zusätzliche Handreichung separat abgerechnet wird. Nachvollziehbar ist in einem solchen System, dass der Leistungserbringer systemimmanent den Anreiz hat, mehr abzurechnen (um seine Kostenstrukturen zu decken) als medizinisch notwendig. Die Konsequenz: Ein Teil der Einsparungen, welche aufgrund der Ambulantisierung gemacht werden kann, geht sofort wieder verloren. In der Folge gibt es – analog zum stationären Bereich – eigentlich nur eine Lösung: die Einführung von Pauschaltarifen im ambulanten Bereich. Damit wird der Mengenausweitung Einhalt geboten und die Leistungserbringer bei kosteneffizientem Handeln belohnt.

Betreffend die Spitalinfrastrukturen ist zu erwarten, dass die klassischen stationären Kapazitäten reduziert werden; dies zugunsten von ambulanten Zentren, die prozess- und infrastrukturoptimiert mit den (vergleichsweise tieferen) Kostenerstattungen aus dem TARMED auskommen. Erst Recht ist in diesem Kontext ein Schub zu erwarten, wenn die „All-inclusive“-Abgeltungen, also die Pauschalen im ambulanten Bereich realisiert werden. Neue Zusammenarbeitsmodelle und Kooperationen zwischen ambulanten und stationären Leistungserbringern aber auch mit Versicherern dürften in Zukunft die Regel und nicht (mehr) die seltene Ausnahme darstellen.

 

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